Fiesch im August
Ein wahrer Sahneballen für Kilometerjäger
(Text und Fotos: Martin Pieper)
Wer gerne Strecken fliegt und im August Zeit hat, darf eines nicht verpassen: - Die beste Zeit in Fiesch im Wallis.
Zuerst einmal muß ich mit den Vorurteilen in Punkto Gefährlichkeit und Brutalothermik aufräumen.
Also es ist wie immer im Leben: Mit dem entsprechenden Respekt und Wissen um die existierenden Gefahren fliegt es sich dort genauso gut oder auch schlecht wie sonstwo in den Alpen - Punkt-Basta.
Also wie gesagt, die beste Zeit, um sich in die Schweiz zu begeben, ist sicherlich Ende Juli bis Mitte August. In dieser Zeit ist es häufig in den Nordalpen schon zu stabil zum Streckenfliegen doch im Walliser Hochgebirge ist's dann gerade passend.
Nach Fiesch kommt man am besten über Basel-Luzern-Andermatt.
Auf dieser Route überquert man dann hinter Andermatt den Furkapaß und fällt dann ins Goms ein. Das Goms ist das Stück vom Rhonetal welches auch für Streckenflugneulinge am einfachsten zu bewältigen ist. Hier ist der Talgrund regelrecht lieblich und es gibt Landemöglichkeiten en masse. Aber dazu später mehr.
Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in nahezu jeder Preislage. In Fiesch selber gibt es einige Hotels, Pensionen und auch für ganz harte oder Nähebedürftige Matrazenlager. Für größere Gruppen oder Familien gibt es im Fieschertal auch Ferienwohnungen mit Privatlandeplatz.
Ich persönlich ziehe den Campingurlaub vor. In Fiesch selber gibt es dazu allerdings leider keine offizielle Gelegenheit, jedoch im bereits erwähnten Goms existieren mehrere Campingplätze. Meine Empfehlung trifft den in Reckingen. Dieser ist erstens eben, zweitens kann man sein Bier wahlweise aus der eiskalten Rhone oder der Gastwirtschaft, die zum Camping gehört holen, drittens ist ein kleines Freibad direkt nebenan, wo man sich auch mal von außen abkühlen kann. Nachteil: Man muß morgens zirka 10 min. zur Eggishornbahn fahren, aber da kommt man als Camper in Fiesch sowieso nicht drumherum.
Aber jetzt zum Wesentlichen:
Bevor man in die Seilbahn springt, sollte man sich noch schnell den aktuellen Wetterbericht zu Gemüte führen. Normalerweise hängt dieser in der Talstation aus. Sollte man allerdings zu den Frühaufstehern gehören, kommt es vor, dass der Wetterman noch nicht da war, und so sollte man den Weg in Richtung einer der beiden Flugschulen in Kauf nehmen, um sich dort kundig zu machen. Die Flugschule Roland Good ist übrigens direkt am Landeplatz im Fieschertal und so kommt man als Gebietsunkundiger bei der Landeplatzbesichtigung eh dort vorbei.
Sagt der Wetterbericht schwache Winde voraus und knallt der Lorenz nur so vom Himmel, dann nichts wie rauf zum Kühboden. Wenn man die erschwingliche Startgebühr bezahlt, bekommt man als Gegenwert noch ein recht informatives Heftchen mit auf den Weg, in dem die aktuellen Landeplätze sowie gebietstypische Gefahren etc. abgehandelt sind. An der Bergstation angekommen, hat man nun die Qual der Wahl:
Für Knochenflieger und Gleitis gibt es je zwei verschiedene Startareale.
Die Drachenpiloten finden ihre Startgelände in direkter Nähe zur Gondel (nicht zu übersehen). Die Gleitschirmpiloten ziehen es in der Regel vor, nach einem ausgiebigen Wassertanken und -lassen den ca. 10 min. entfernten Startplatz Galvera zu besuchen. Hier ist wirklich Platz satt und der Startbart bringt einen direkt bis zur Basis.
An guten Tagen geht's hier schon um 10.30 Uhr. Man ist also gut beraten, früh dran zu sein. Um diese Zeit ist die Fiescherthermik durchaus noch anfängertauglich. Ab mittag geht's dann aber zur Sache und es wird auch zunehmend voller in der Luft. Dann ist die Luft zwar nicht mehr so anfängertauglich, doch das scheint viele nicht abzuhalten, sich ins Getümmel zu stürzen. Auch ein Grund warum dieses Fluggebiet nicht so gut in der Unfallstatistik abschneidet.
Normalerweise hat man jedoch mit dem Kühboden nur ein bis zweimal am Tag das Vergnügen: beim Starten und vielleicht ein paar Stunden später beim Vorbeifliegen. Der Kühboden ist einfach der beste Ausgangspunkt zum Streckenfliegen, den man sich wünschen kann. Selbst bei eher mäßigen Bedingungen sind noch Strecken um die 60 Km drin. Und ob man will oder nicht, selbst als hartgesottener Hausbartkurbler muss man sich spätestens am zweiten Tag seiner Neugier ergeben und sich auf die Suche nach noch fantastischeren Eindrücken in der Walliser Bergwelt begeben.
Hierzu hat man die verschiedensten Möglichkeiten. Die einfachste Variante führt in das bereits angesprochene Goms. Landemöglichkeiten findet man hier zu Hauf, das Gelände ist gut zu überblicken und birgt eigentlich nur eine ernstzunehmende Gefahr: den Grimselwind. Der Grimselwind ist ein thermischer Ausgleichswind der von Norden her durch das Haslital über den Grimselpass strömt. Er setzt im laufe des frühen Nachmittags ein, verstärkt sich und flaut zum Abend hin wieder ab.
Im Bild sieht man das Belvedere an der gletschernahen Serpentine
Alles halb so schlimm, wenn man seine Ausmaße kennt. Das Tückische ist, daß er bei zunehmender Stärke immer höher reicht und somit auch über die vielbeflogenen Südhänge des Goms schwappt und dort ein sehr sportliches Lee verursacht. Also Hangabstand ist angesagt!
Wenn man aber früh genug unterwegs ist, hat der Grimselwind noch gar nicht eingesetzt und man kann gefahrlos bis zum Grimselpass und zurück oder vorzugsweise bei Südwestlage noch weiter in Richtung Andermatt - Chur fliegen. Im Bild sieht man die weitere Flugstrecke über Grimsel und Furka. Rechts unten im Bild ist Oberwald am Talende des Goms. Die Passüberquerungen stellen bei genügend Ausgangshöhe eigentlich keinerlei Probleme dar. Zwischen Grimsel und Furka kann man sogar noch einmal in den Südflanken oberhalb von Gletsch und an der Furkapassstraße am Hotel Belvedere Höhe tanken. Sollte einen der Grimselwind doch einmal kalt erwischen, so ist es möglich das Goms zu queren und auf der anderen Talseite nach Fiesch zurückzureiten.
Wenn man die beiden Pässe bezwungen hat, kommt eigentlich nur noch eine Hürde auf dem Weg ins Oberrheintal - der Oberalppass bei Andermatt. Dieser ist aber weitaus einfacher zu überfliegen als die beiden zurückliegenden Schlüsselstellen. Hat man den Oberalp auch "im Sack", kann man sich schon glücklich schätzen. An klaren Tagen ist es sogar möglich, vom Oberalpüberflug aus den Vierwaldstätter See im Berner Oberland zu sehen.
Kurz hinter Brigels- hier wird´s deutlich flacher
Ab Sedrun wird die Landschaft zunehmend lieblicher und ab Brigels ist dann mit der Rennstrecke Schluss. Die weitere Route kenne ich leider nur vom Autofahren. Es ist jetzt wahrscheinlich so oder so schon Zeit sich um das Zurücktrampen zu kümmern, denn der letzte Zug nach Fiesch ist unter Garantie schon weg.
Wer abends gern bei seiner Familie ist, der sollte eine Strecke mit Heimkehrmöglichkeit bevorzugen. Hierzu gibt's die verschiedensten Varianten. Wie gesagt, sollten sich Neulinge zuerst einmal im Goms versuchen und dann ihren Radius in Richtung Westen vergrößern.
Dabei gehts problemlos vom Kühboden über Bettmeralp nach Riederalp. Möchte man weiter nach Westen, so muss die Maseraschlucht gequert werden - und die ist groß. Auch hier gilt wieder: früh dran sein, denn ab dem frühen Nachmittag frischt der aus Westen kommende Talwind stark auf und reicht bis in unglaubliche Höhen. Übrigens ist bei der Route Vorsicht geboten, da es bis Brig nicht allzu viele Landemöglichkeiten im Tal gibt. Hat man die Talquerung hinter sich, so wird die nächste Krete abgeritten und beim nächstgrößeren Talsprung sehen wir schon unter uns den Bahnverlad in Goppenstein (beliebter Wendepunkt).
Blick auf die Bergwelt von Saas Fee - links die Monte Rosa und rechts die Mischabel Gruppe
Wenn man nun nach Hause möchte hilft einem der bereits aktive Talwind ordentlich, so dass man an zahlreichen Prallhängen wieder aufsoaren kann. Aber so hilfreich der Wind auch sein mag, bei einer notwendigen Landung im Rhonetal sollte man auch genug Landemöglichkeiten im Rücken haben. Eine Rückwärtslandung ist also durchaus einzukalkulieren.
Wer die Nase noch nicht voll hat und schon zu den routinierten Fetzenfliegern gehört, der sollte sich auf ins Saas Tal machen. Drachenflieger lieben das Saas Tal nicht so arg aufgrund der bescheidenen Landemöglichkeiten im Tal.
Ins Saas Tal kommt man, wenn man das Rhonetal auf der Höhe von Visp in Richtung Süden quert. Am Taleingang sieht man sehr markant das Gebidum (Berg mit Sendemast). Es kann vorkommen das man am Gebidum in der Westseite im Lee ist, wenn vom Simplonpass eine Südostströmung herüberschwappt. Das merkt ihr dann schon früh genug.
Sollte dies nicht der Fall sein, so kann man getrost die Westseiten des Saas Tales abfliegen und in die Region der Viertausender einfliegen. Das Saas Tal ist auf den ersten 15 km nicht landbar - also Vorsicht. Wenn ihr runter müsst, dann nur auf einer Alm oder so. Der Talwind bläst normalerweise taleinwärts und schiebt zusätzlich.
Blick vom Simplonpass zum Kühboden und Aletschgletscher
In Saas Grund gibt's dann wieder genügend Landemöglichkeiten. Hier kehren dann auch die meisten Piloten um, da das Tal im weiteren Verlauf hinter Saas-Almagell zunehmend unbevölkerter wird. Der Rückweg ist ein wahrer Genuss, da die Basis in der Walliser Viertausenderregion sagenhafte Höhen erreichen kann. 4500 m sind hier nicht unbedingt die absolute Rarität. So kann man dann schon auf dem Heimflug mal ganz dreist über so´n paar "Buckel" hinwegfräsen. Der schnellste Weg zurück nach Fiesch führt über den Simplonpass. Hier sollte man noch mal ein paar Meter machen und dann mit stolz geschwellter Brust zum Fiescher Landeplatz abgleiten.
Dort angekommen, hat man sich wohl sein Landebier redlich verdient und man hat einen fantastischen Flug gemacht, den man sicherlich noch seinen Enkeln erzählen wird.
So, ich hoffe, ich konnte ein bißchen von meiner Begeisterung für Fiesch weitergeben und hoffe das man sich spätestens am Saisonende beim Grillen heil wiedersieht.